Christian Morgenstern über Liebe und Erkennen – und was das alles (vielleicht) mit Bewerbungsgesprächen zu tun hat
1. September 2009, von Matthias Pleye
Schließt denn Erkenntnis die Liebe aus?
Oder ist es nicht vielmehr so: je mehr Erkennen, desto mehr Liebe?
(In: Stufen.)
Das hängt davon ab, was man erkennt, was man erkennen darf oder muss, möchte man - mit einer Prise Sarkasmus - antworten. Und doch ist es so natürlich zu kurz gedacht. Es gibt Stufen der Erkenntnis im Zwischenmenschlichen. Mindestens drei.
Die Stufe, auf der wir uns zumeist befinden, wenn wir jemanden zu erkennen glauben, ist die seiner gesellschaftlichen Maske. Dort bemühen sich die Menschen, ihre Schokoladenseite zu präsentieren. Alle sind klug, stark, dynamisch, energievoll, der Zukunft zugewandt… und glauben oft noch selbst daran. Man könnte diese Stufe auch die des Bewerbungsgesprächs nennen. Sie ist in grotesker Weise artifiziell; und wer auf dieser Erkenntnisstufe verbleibt, den nennen wir ‘naiv’ - sofern wir es nicht selbst sind. Denn dann nennen wir ihn ‘qualifiziert’, ‘lebenstüchtig’ und was der Plattitüden mehr sind.
Wenn wir nicht unser Leben lang dieser Oberflächlichkeit frönen, gelangen wir auf die zweite Stufe. Für sie gilt am ehesten, dass ihre Erkenntnis die Liebe ausschließt. Zugleich ermöglicht sie dieselbe aber überhaupt erst. Denn nun nehmen wir an der jeweiligen Person all das Unschöne wahr, das sie uns und das wir uns bis dato so kunstvoll verborgen haben. Jetzt wird es ungemütlich, schwierig auch. Besonders kommt man mit dem Egoismus purer Genüsslichkeit nicht mehr weiter. Und so gehen denn auf dieser Stufe auch viele ‘Liebesbeziehungen’ in die Brüche, zumal das Unschöne im Anderen auf das Unschöne im Eigenen nur allzu deutlich verweist. Und die Schwäche des Anderen könnte man ja eventuell noch…, aber die eigene… Was soll man da beim Bewerbungsgespräch sagen? Nun, man wird wahrscheinlich taktisch lügen. Bloß hat man auf dieser Stufe gar keine Lust mehr auf derlei Spielchen.
Wenn man Glück hat und die Kraft findet, jene Masken-Spielchen im Gesellschaftlichen nicht mehr mitzumachen, betritt man irgendwann die dritte Stufe. Man begreift, dass das Unschöne nur Durchgang ist, dass es sich zwar hinter der Maske verbirgt, aber nun selbst wieder nur Maske ist der eigentlicheren Bestimmung des Menschen. Ab jetzt gilt: Je mehr Erkennen, desto mehr Liebe. Das Unschöne verschwindet nicht, aber es wird verständlich und erscheint als mit dem Schönen untrennbar verbundener Bestandteil der Gesamtperson. Nun ist der Weg frei. Die Person und man selbst entdecken gleichsam ihre Verankerung in der Unendlichkeit, dem Quellgrund der Liebe. Die Person wird in einem gänzlich unpubertären, unschwärmerischen Sinne zu einem ‘König’ ihrer selbst. Für die bewerbungsgesprächlerische Daseinsform und die Jämmerlichkeiten, die mit ihr verbunden sind, ist sie damit nicht mehr zu gebrauchen.

Eine interessante Theorie. Man sagt aber auch: Alle Theorie ist grau.
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Bzgl. Bewerbungsgespräch:
Es gibt Menschen (Bewerber), die sind so im Einklang mit sich selbst, dass sie praktisch unverstellt in ein Bewerbungsgespräch hineingehen. Die haben die Vorteile auf ihrer Seite.
Und wenn die nun dabei naiv sind?
Nicht von ungefähr das Jesuswort:
„Wahrlich, ich sage euch: Wer irgend das Reich Gottes nicht aufnehmen wird wie ein Kindlein, wird nicht in dasselbe eingehen.“ (Mk 10,15)
„Die Maske“ ist also schon mal etwas Relatives und entspricht in etwa doch dem Begriff der Charakterpanzerung… (der künftige Stoff für den “Seelenklempner”)
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So könnte die Stufe 2 sich auch als eine Reaktion auf einen missglückten Anpassungsprozess (siehe 1) entpuppen.
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Stufe 3 erreicht wohl eher, wer von Stufe 1 aus „durchstartet“(!)…
Hat man sein „Schäfchen im Trocknen“, sein „Ding gemacht“, dann lassen sich gut über die zwei Seiten einer Medaille (verklärte) Betrachtungen anstellen.
Ich finde, du sprichst hier einen sehr wichtigen Punkt an und stellst ihn soweit richtig dar. Jedoch verstehe ich den Spruch noch viel globaler als “nur” auf Menschen bezogen. Je mehr man von der Welt erkennt, desto mehr liebt man sie. Sie ist so genial und stimmig, funktionierend und passend, dass man kaum anders kann. “Schlimme” Sachen wie Tode, Kriege oder sonstwas gehören ebenfalls dazu.
Hallo Addliss, ich habe hier einmal etwas ausführlicher zu antworten versucht.