Herr-Kah-Texte

Kurz und berlinisch!

Herr Kah erzählt die Geschichte vom reichsten Menschen in ganz Berlin

Berlin, 9. Juli 2012

Ein junger Mann kam zu Herrn Kah und wollte wissen, wie er reich werden könne. Da erzählte Herr Kah ihm folgende Geschichte:

Es war einmal ein reicher, glücklicher und gesunder Berliner, zu dem kam eines Tages ein Weiser und sagte, dass materieller Reichtum kein echter Reichtum sei. Vielmehr sei seelischer Reichtum echter Reichtum. Der Berliner nahm es sich zu Herzen, behielt für sich nur das Nötigste, gab den Rest an die Armen und war fortan leidlich glücklich und gesund.

Nun kam abermals ein Weiser und sagte dem Berliner, dass seelischer Reichtum kein echter Reichtum sei. Vielmehr sei geistiger Reichtum echter Reichtum. Der Berliner nahm es sich zu Herzen und war fortan unglücklich und krank, dachte aber viel über Gott und die Welt nach.

Da kam erneut ein Weiser in die Stadt und sagte dem Berliner, dass geistiger Reichtum kein echter Reichtum sei. Vielmehr sei radikale Armut echter Reichtum. Der weisheitsliebende Berliner nahm es sich zu Herzen, gab auch noch den Rest seines Besitzes dahin und war fortan – der reichste Mensch in ganz Berlin.

Der junge Mann lauschte Herrn Kahs Geschichte bis zum Ende, wusste sie aber nicht zu deuten.

Herr Kah spricht mit dem Papst über den Kern des Christentums

Berlin, 7. Februar 2012

An einem kalten Februarmorgen begegnete Herr Kah in einem Moabiter Supermarkt dem Papst, der dabei war, Joghurts zu sichten. Sogleich hob der Papst an, Herrn Kah das Christentum zu verkündigen.

„Das Christentum ist im Kern nicht politisch“, sagte der Papst.

„Gut“, sagte Herr Kah.

„Es ist im Kern keine Philosophie oder Wissenschaft.“

„Gut“, sagte Herr Kah.

„Es ist im Kern auch keine Ethik.“

„Einverstanden“, sagte Herr Kah.

„Es ist aber im Kern auch keine Mystik oder Meditationstechnik.“

„Gott sei Dank“, sagte Herr Kah.

„Ebenso wenig ist es im Kern Poesie oder Therapie“, sagte der Papst und schwieg.

„Wenn Sie nun“, sagte Herr Kah, „aus dem Kern des Christentums noch Gott, Christus, den Heiligen Geist und die Jungfrau Maria entfernten, begönne die Sache langsam interessant zu werden.“

Herr Kah äußert sich gegenüber einem Historiker zur Demokratie

Berlin, 29. Januar 2012

Ein Historiker sagte: „In der parlamentarischen Monarchie kann der Monarch die Regierung nicht absetzen und hat allgemein kaum Einfluss auf die Staatsgeschäfte, um die sich vielmehr Regierung und Parlament kümmern. Im Wesentlichen repräsentiert der parlamentarische Monarch nur noch.“

Herr Kah sagte: „Ach, das erinnert mich strukturell doch sehr an die gegenwärtigen Zustände. In der plutokratischen Demokratie können die Bürger die Regierung dem Inhalt nach auch nicht absetzen, bestenfalls die Regierungsköpfe abwählen. Die Bürger haben allgemein kaum Einfluss auf die Staatsgeschäfte, um die sich vielmehr Lobbyisten und Plutokraten kümmern. Im Wesentlichen repräsentieren die demokratischen Bürger nur noch. - Endlich hat sich ein langgehegter Wunsch verwirklicht: Der Bürger ist König.“

Herr Kah verteilt Geldgeschenke

Berlin, 7. Januar 2012

Bei freudigstem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen stand Herr Kah auf dem Alexanderplatz und verschenkte 500-Euro-Scheine.

Einige Passanten nahmen das Geld und bedankten sich herzlich. Die meisten aber nahmen es und blickten Herrn Kah verächtlich an. Vereinzelt wurde er sogar bespuckt. Ein Drittel der Passanten wollte Herrn Kahs Geldgeschenk gar nicht annehmen, brüllte ihn stattdessen an oder machte ihm Vorwürfe.

„Sie arroganter Schnösel“, schrie einer.

„Ich verschenke doch nur, was ich nicht brauche“, sagte Herr Kah.

„Sie glauben wohl, Sie sind die EZB“, sagte ein anderer und zeigte ihm den Vogel.

„Da sitzen Sie einem Missverständnis auf“, sagte Herr Kah. „Die EZB gibt Geld in Form von Krediten. Ich gebe Geld in Form von Geschenken. Überhaupt sollte Ihnen eines bewusst sein: Das gesamte Geld, das in unserem Wirtschaftssystem zirkuliert, haben ursprünglich die Banken oder die Zentralbank in Form von Krediten geschaffen. Was nichts anderes bedeutet, als dass dem Geld notwendig Schulden gegenüberstehen. Sonst hätte Geld keinen ‚Forderungscharakter’. Je mehr Geld, desto mehr Schulden. Die Frage ist lediglich, bei wem die Schulden verbucht werden und bei wem die Vermögen. Herzlich willkommen im Hamsterrad!“

Dass sie im Hamsterrad lebten, wollten die Menschen natürlich nicht hören, geschweige denn verstehen. Und so zerstreuten sie sich langsam und würden wohl weiter brav die Zinsen des Systems ‚erwirtschaften’.

Eine, die etwas mitgedacht hatte, blieb bei Herrn Kah und sagte: „Führte das nicht zu horrender Inflation, wenn die EZB – wie Sie - Geld ohne Umweg über die Banken einfach verschenkte?“

„Man muss es mit den Geschenken ja nicht übertreiben“, sagte Herr Kah. „Außerdem würde ich das Geldsystem nicht komplett nach dem Geschenkprinzip funktionieren lassen. Auch das Kreditprinzip hat wirtschaftlich seine Berechtigung. Eine großzügig verstandene materielle Existenzgrundlage aber sollte jeder Einzelne geschenkt bekommen. Das gebieten Würde und Freiheit des Individuums.“

„Hm, Sie plädieren für eine Form des bedingungslosen Grundeinkommens?“

„Sie haben’s erfasst. Aber die Köpfe der meisten Menschen sind leider noch voll der Denkstrukturen ihrer eigenen Geldversklavtheit.“

Auf dem Rückweg zu seiner Wohnung ließ Herr Kah Revue passieren, wie die Mehrheit der Passanten auf seine Geldgeschenke reagiert hatte. Tja, dachte er, so aggressiv werden die Menschen, wenn man ihnen Gutes tut.