Herr-Kah-Texte

Kurz und berlinisch!

Herr Kah erzählt die Legende vom glücklichen Schuldner zu Dreistewitz

Berlin, 4. Januar 2012

Vor einer Versammlung lebensmüder Hartz-IV-Empfänger erzählte Herr Kah die Legende vom glücklichen Schuldner zu Dreistewitz:

Sehr verehrte Damen und Herren, Sie müssen sich Karl-Theodor zu Dreistewitz als einen normalen Menschen vorstellen. Kaum 15 Jahre alt, lieh er sich von einem Freund, der reiche Eltern hatte, 500 Euro, um mit deren Hilfe ein Mädchen zu beeindrucken, in dessen Kurven er sich verguckt hatte.

Als das Geld weg war, konnte er es nicht zurückzahlen, und der Freund prügelte zu Dreistewitz krankenhausreif.

Da nahm zu Dreistewitz bei einer Kleinbank einen Kleinkredit auf. Mit dem frischen Geld zahlte er seinem Freund die 500 Euro zurück und machte ein halbes Jahr Urlaub an der Côte d’Azur, um sich von der Prügel zu erholen.

Als er heimkam, konnte er den Kleinkredit nicht zurückzahlen, und die Kleinbank lud ihn zu einem unfreundlichen Gespräch und zwangsversteigerte seine bescheidenen Besitztümer.

Da las zu Dreistewitz ein Buch über Businessrhetorik, entwickelte einen Businessplan und fand mehr Kapitalgeber für sein Unternehmen, als er brauchen konnte. Aber Geld soll man nicht verschmähen. Und so saß zu Dreistewitz bald auf einem Kapitalpolster von 100 Millionen Euro.

Nun hatte er es sich wohl verdient, die Dinge etwas lockerer angehen zu lassen. Zu Dreistewitz kümmerte sich kaum noch um sein Unternehmen. Er spielte lieber Golf, besuchte glamouröse Partys und knüpfte erste Kontakte in die Politik.

Als Dreistewitz’ Unternehmen kurz vor der Insolvenz stand, luden ihn seine Kapitalgeber zu einem freundlichen Gespräch, gaben ihm Geld für seine Privatschatulle, damit er die Mittel habe, nach seiner harten Arbeit zu entspannen, und fädelten einen Termin mit einer Großbank für ihn ein.

Der Chef der Großbank, der Dreistewitz’ Kapitalgeber zu seinen besten Kunden zählte und fürchtete, dass sie ihre Kredite nicht mehr bedienen könnten, falls Dreistewitz die Seinen nicht mehr bedienen könnte, nahm sich extra einen Abend frei, führte zu Dreistewitz in ein Edelrestaurant und in ein Luxusbordell und bot ihm einen zu 1,5 Prozent verzinsten 500-Millionen-Kredit.

Zu Dreistewitz wand sich und zierte sich. Nach zähen Verhandlungen bekam er einen Zwei-Milliarden-Kredit zu 0,5 Prozent und eine Jahreskarte für das Luxusbordell.

Die folgenden Monate verbrachte zu Dreistewitz hauptsächlich in jenem Bordell und auf Partys Superreicher, auf denen er auch den Bundesfinanzminister kennenlernte. Die wirtschaftliche Lage der Dreistewitzschen Unternehmung verschlechterte sich von Tag zu Tag.

Als zu Dreistewitz seinen Großbankkredit nicht mehr bedienen konnte, schrillten im Land sämtliche Alarmglocken. Die Großbank galt als systemrelevant, und ihre Finanzlage war so angespannt, dass sie den Ausfall eines Zwei-Milliarden-Kredits wohl kaum überlebt hätte.

Da Bankenrettungen sehr unpopulär geworden waren, entschied der Finanzminister, Dreistewitz’ Unternehmen mit Geld aus dem Sonderfonds Arbeitsplatzrettung auszustatten und so die Bedienung des Zwei-Milliarden-Kredits zu gewährleisten.

Karl-Theodor zu Dreistewitz blieb seinem Lebenswandel treu und nahm wenig später aus den Händen der Kanzlerin stolz den ‚Deutschlandpreis für innovatives Unternehmertum’ entgegen.

Nachdem Herr Kah geschlossen hatte, ging ein resigniertes Seufzen durch die Reihen der lebensmüden Hartz-IV-Empfänger. „Es war ja nur eine Legende“, sagte Herr Kah. „In Wirklichkeit ist alles natürlich noch viel schlimmer.“

Herr Kah widerspricht Paradiesvögeln

Berlin, 31. Dezember 2011

In Berlin, das ja eine Stadt der Paradiesvögel ist, lebten auch ein Theist, ein Atheist und ein Agnostiker.

Und da diese Menschen die Dinge bekanntlich gerne vom Kopf her entscheiden, kamen sie eines Tages gemeinsam zu Herrn Kah, der im Rufe stand, der größte lebende Denker der Stadt zu sein, noch knapp vor Klaus Wowereit.

Der Theist sagte siegessicher: „Gott existiert.“

Herr Kah sagte: „Nein, Gott existiert nicht.“

Da freute sich der Atheist und sagte: „Genau, Gott existiert nicht.“

Herr Kah sagte: „Nein, Gott existiert.“

Nun freute sich der Agnostiker und sagte: „Ich glaube, Herr Kah möchte ausdrücken, dass man nicht erkennen kann, ob Gott existiert oder nicht.“

Herr Kah sagte: „Nein, man kann erkennen, ob Gott existiert oder nicht.“

Darauf steckten der Theist, der Atheist und der Agnostiker ihre Köpfe zusammen und gelangten zu dem Schluss, dass Herr Kah sich in Widersprüche verheddere.

„Nein“, entgegnete Herr Kah, „ich habe jedem von Euch dasselbe gesagt, nur mit verschiedenen Worten.“

Zum Abschluss empfahl Herr Kah den dreien, ihre jeweiligen Gedanken im Rahmen einer Promotion zu vertiefen und die Ergebnisse Klaus Wowereit vorzulegen. Der soll sie aber später nicht zur Kenntnis genommen haben.

Herr Kah schenkt einer Frau zu Weihnachten brasilianische Edelpralinen

Berlin, 6. Dezember 2011

24. Dezember, Nachmittag. Kontinentale Kälte lagert über Prenzlauer Berg. Herr Kah schlendert durch die grauweißen Straßen. Eine Tüte mit KaDeWe-Delikatessen für den Abend baumelt an seinem Handgelenk. Am Wittenbergplatz hatte Herr Kah spontan entschieden, mit der U-Bahn in den trendigen Ortsteil zu fahren.

Aber Prenzlauer Berg ist entvölkert. Die Kulturbrauerei gleicht einer sibirischen Industrieruine. Nur in der Kastanienallee fegt noch eine Frau den Neuschnee vom Dach ihres Wagens und kratzt die Scheiben frei.

„Auch auf dem Sprung?“

„Herr Kah! Das nenne ich eine Weihnachtsüberraschung. – Ja, ich fahre zu meinen Eltern in den Westen“, sagt die Frau.

„Zu Weihnachten verlassen die Menschen ihr Zuhause für ihr wahres Zuhause“, sagt Herr Kah.

Die Frau lächelt und fragt: „Wo werden denn Sie Weihnachten verbringen?“

„Ich habe kein wahres Zuhause. Mein wahres Zuhause ist überall. Mein wahres Zuhause ist also in mir selbst. Es ist klein, aber weit, im Ganzen gemütlich.“

„Besinnliche Worte zum Fest“, sagt die Frau und lächelt erneut.

„Warten Sie“, sagt Herr Kah, greift in die KaDeWe-Tüte, zieht brasilianische Edelpralinen hervor und reicht sie der Frau. „Ich kann die gar nicht alle essen. - Frohe Weihnachten!“

„Nun habe ich leider kein Geschenk für Sie“, sagt die Frau traurig und erfreut zugleich.

„Es ist das Wesen des Geschenks, dass man keines zurückbekommt“, sagt Herr Kah, lüftet freundlich seinen Hut und geht frohgemut zum U-Bahnhof Eberswalder Straße.

Herr Kah erklärt einer SPD-Abgeordneten, was 'merkeln' bedeutet

Berlin, 29. November 2011

Herr Kah spazierte auf kalten Füßen durch den Berliner Vorwinter und betrachtete die leuchtende Kuppel des Reichstags. Plötzlich schritt eine seiner lästigen Verehrerinnen, eine SPD-Abgeordnete, energisch auf ihn zu. Sie sah zwar passabel aus, war jedoch schrecklich aufgekratzt und ohne jedes Geheimnis. Herrn Kah aber genügte bereits die Geheimnislosigkeit des Berliner Politikbetriebs.

„Könnten Sie mir erklären, was ‚merkeln’ bedeutet?“, fragte die SPD-Abgeordnete Herrn Kah.

Herr Kah war erleichtert. „Das kann ich gerne tun“, sagte er. „Aber lassen Sie mich Sie dazu heute Abend ins Restaurant einladen. Die Thematik ist komplex.“

„Wollen Sie mich wirklich ins Restaurant einladen?“, sagte die Abgeordnete, außer sich vor Freude.

„Davon bin ich zutiefst überzeugt“, sagte Herr Kah. „Treffen wir uns doch gegen 20 Uhr im Restaurant ‚Zur blühenden Landschaft’.“

Als es 20 Uhr war, saß Herr Kah in seinem Lesesessel und frustrierte sich mit der Tageszeitung.

Um 22 Uhr klingelte es an seiner Haustür. „Warum sind Sie nicht gekommen?“, fragte die lästige Verehrerin, und ihre Augen funkelten schröderianisch.

„Das tut mir leid“, sagte Herr Kah, „aber die Realitäten haben sich inzwischen geändert und mir ein Kommen unmöglich gemacht.“

Die SPD-Abgeordnete nickte enttäuscht. „Könnten Sie mir trotzdem noch schnell erklären, was ‚merkeln’ bedeutet?“

„Aber das habe ich doch getan“, sagte Herr Kah.