Herr-Kah-Texte
Kurz und berlinisch!
Herr Kah wird Zeuge der Macht des Weibes
Berlin, 30. September 2011
Ein junger Mann kam jede Woche einmal zu Herrn Kah und klagte ihm sein Leid. Dies gehe nicht, und das gehe nicht, und jenes gehe schon gar nicht.
Nach einigen Wochen sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“
Der junge Mann sagte: „Und wer wäscht meine Wäsche, wer kocht für mich?“
Eine Woche später sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“
Der junge Mann sagte: „Das wäre finanziell irrational. Dann müsste ich Miete zahlen. So wohne ich umsonst.“
Wieder eine Woche später sagte Herr Kah: „Vielleicht sollten Sie bei Ihrer Mutter ausziehen.“
Der junge Mann sagte: „Und wer kümmert sich um meine Mutter? Sie würde vereinsamen. Das wäre unmenschlich.“
Dann ließ sich der junge Mann eine Woche nicht blicken.
In der Woche darauf aber kam er wieder zu Herrn Kah und sagte: „Ich bin bei meiner Mutter ausgezogen.“
Herr Kah fragte verwundert: „Und wie sind Sie zu dem Entschluss gelangt?“
„Nun“, sagte der junge Mann, „ich habe jetzt eine Freundin, und die hat mir den Tipp gegeben, bei meiner Mutter auszuziehen.“
„Das“, murmelte Herr Kah, während er später im milden Abendwind entlang der Spree spazieren ging, „ist die Macht des Weibes.“
Herr Kah beantwortet einem Mann, der viele Bücher liest, die Frage, wie er leben solle
Berlin, 9. September 2011
Es geschah häufig, dass jemand Herrn Kah fragte, wie er leben solle. Herr Kah gab auf diese Frage stets eine andere Antwort.
Einem Mann, der viele Bücher las, um zur Lebenskunst zu gelangen, sagte er: „Jeder vernünftige Mensch wird Ihnen auf die Frage, wie Sie leben sollen, nur im Modus lächelnder Ironie antworten, und selbst dieser Satz ist noch ironisch.“
Herr Kah erzählt die Anekdote vom jungen Mann, der sich nicht verlieben konnte
Berlin, 31. August 2011
In einem Seminar zur Liebe, das er einzig im Modus der Ironie zu geben imstande war, erzählte Herr Kah folgende Anekdote:
Ein junger Mann kam zu mir und beklagte sich, dass es ihm unmöglich sei, sich zu verlieben, da er sich nur in eine Frau verlieben könne, die grün gefärbte Haare, eine kleine Narbe über der Oberlippe und ein Tintenfass aus der Goethezeit habe. Eine solche Frau aber existiere nicht.
„Vielleicht doch“, sagte ich.
Einige Monate später suchte mich der junge Mann wieder auf und erzählte: „Ich habe eine Frau getroffen, die grün gefärbte Haare, eine kleine Narbe über der Oberlippe und ein Tintenfass aus der Goethezeit hat.“
„Und“, fragte ich, „haben Sie sich in sie verliebt?“
„Nein“, sagte der junge Mann, „denn ich weiß: Wenn ich mich in diese Frau verliebte, würde ich mich nicht eigentlich in sie verlieben, sondern bloß in die Tatsache, dass sie grün gefärbte Haare, eine kleine Narbe über der Oberlippe und ein Tintenfass aus der Goethezeit hat.“
Herr Kah äußert sich zur Pflicht
Berlin, 29. August 2011
Ein Mann kam zu Herrn Kah und präsentierte ihm eindringlich Argumente dafür, dass es im Leben nicht auf das Glück ankomme, sondern darauf, seine Pflicht zu tun.
„Haben Sie nur Acht“, sagte Herr Kah, „dass Sie, wenn Sie Ihre Pflicht tun, nicht die Pflicht eines anderen tun.“