Traumatisierte Soldaten werden mit ‚Forschungszentrum‘ abgespeist
14. Februar 2009, von Matthias Pleye
Stellt Euch vor, man schickt Euch nach Afghanistan zur Verteidigung des Vaterlands am Hindukusch. Dort traumatisiert Euch das, was Politiker nicht ‚Krieg‘ zu nennen nicht müde werden. Nein, nein. Aber da ist es doch schön, falls man Euch hilft, wenn Ihr wieder dort seid, wofür Ihr gekämpft habt – in Eurem Land.
Da könnt Ihr nun bald eine Hotline anrufen, und solltet Ihr doch etwas ernster ‚gestört‘ sein, könnt Ihr Euch an das Forschungs- und Kompetenzzentrum wenden, das im Institut für den medizinischen Arbeits- und Umweltschutz der Bundeswehr eingerichtet wird. Groß wurde es jetzt im Bundestag angekündigt. De facto scheint es sich um eine Arbeitsgruppe zu handeln, für die das Institut keinen Cent mehr sieht.
Aber was will das Zentrum auch herausfinden, das nicht längst bekannt wäre? Wodurch Soldaten traumatisiert werden? Wisst Ihr das? Was könnte Soldaten wohl traumatisieren? Oder wie man sie enttraumatisiert? Will man wissen, wie man sie effizient enttraumatisiert, damit man sie vorher in Kriege schicken kann, die sie traumatisieren? Seelenklempnerei fürs ruhige Gewissen? Wie wär’s, man schickte die Soldaten einfach nicht nach Afghanistan? Dann könnte man sich den verlogenen Firlefanz sparen.
Allerdings werden Euch dann tausend Politiker aufs Dach springen und um die Wette brüllen: „Verantwortungslos, verantwortungslos, verantwortungslos.“ Und wenn sie sich etwas beruhigt haben, werden sie Euch stundenlang mit zwei Argumenten eindecken: erstens, die armen afghanischen Mädchen, zweitens, die bösen islamischen Terroristen.
Sollte der ‚Westen‘ sich aus Afghanistan zurückziehen, so wird man Euch ausmalen, kommen die Taliban zurück an die Macht, und die armen afghanischen Mädchen dürfen nicht mehr in die Schule gehen. Wohl wahr. Aber wenn es der Politik, was ja eine gute Sache wäre, ernsthaft darum ginge, in der Welt Mädchen zu mehr Bildung zu verhelfen, dann gäbe es unzählige Länder, wo sie viel einfacher und erfolgreicher aktiv werden könnte als just in Afghanistan. Stellt Euch zum Beispiel vor, sie würde das Geld, was heute für die Kriegsfinanzierung draufgeht, einfach in Bildungspatenschaften für Mädchen in der ‚Dritten Welt‘ anlegen. Entsprechende Hilfsorganisationen existieren ja bereits. Man müsste Ihnen nur das Geld überweisen. Man hätte nicht einmal ‚Bürokratie-Kosten‘. Aber natürlich ist der Politik die Bildung der Mädchen herzlich egal. – Just fällt mir ein: Die deutsche Politik sollte sich, statt nach Afghanistan zu schweifen, vielleicht auch einmal mehr um die Mädchen (und Jungen) im eigenen Land kümmern. Bei der Analphabetismus-Rate unter hiesigen Schülerinnen und Schülern dürfte dieser Gedanke von der Vernunft jedenfalls nicht so weit entfernt sein, wie der Hindukusch von Deutschland…
Bleiben die bösen Terroristen: Wenn der ‚Westen‘ nicht mehr in Afghanistan für Ordnung sorgt, gehen hier ja gleich an jeder U-Bahn-Station die Bomben hoch. Oder? Aber halt: Ordnung? Wie sieht’s denn in Afghanistan aus? Neue Umfragen zeigen, dass sich das Vertrauen der Afghanen in die internationalen Truppen, nicht zuletzt dank der zivilisten- und mädchenfreundlichen Kriegsführung der USA, im freien Fall befindet. Zudem ist die Karsai-Regierung durch und durch korrupt (Drogenhandel, Waffenhandel, selbst mit den ‚Terroristen‘…). Und heute könnt Ihr in den Zeitungen lesen, dass US-Geheimdienste berichten, die Taliban gewönnen in großem Umfang an ‚Einfluss‘ zurück. Ja, ja, mag man sagen, aber sie haben noch nicht die Staatsmacht erobert und können noch nicht gezielt in Zusammenarbeit mit Al-Qaida Terroristen ausbilden und nach Deutschland schicken. Nein? Die Terrorcamps im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet gibt es doch bereits. Die deutsche Politik will ihren ‚Besuch‘ doch unter Strafe stellen. Da müssen sie wohl existieren. Und wenn man Schäuble und anderen Glauben schenken darf, hat sich die Sicherheitslage in Deutschland ja dank des Kriegs nicht eben verbessert. Oder warum warnt man uns dauernd, dass terroristische Angriffe auf und in Deutschland immer wahrscheinlicher werden?
Pfliegerinnen und Pflieger, seid gegrüßt!
